Ein Suzuki-Fahrer in Milwaukee

 

Tagebuch des eingefleischten Suzuki-Fans Hans-Jörg O. (42), der seinen Sport-Tourer für 14 Tage gegen einen Harley-Chopper getauscht hat.

 

 

Oh, Mann, Toronto, die Natur Kanadas, eine Fahrt über den Lake Michigan, dann Milwaukee, Chicago, Stippvisite an den Niagarafällen und wieder Toronto. Das klingt nach einer echten Traumreise. Mit dem Motorrad? Der absolute Hammer! Aber warum musste ich mir unbedingt in den Kopf setzen, die Tour zum 100. Geburtstag von Harley Davidson zu machen? Ist doch wohl logisch, dass ich da nicht auf meiner geliebten schnittigen Suzuki RF 900 R antanzen kann. Nee, da muss es schon ein Chopper aus der Kult-Schmiede sein. Also habe ich mir eine FLHT E-Glide gemietet. Dabei dachte ich immer, auf so eine schwerfällige Maschine kriegt man mich frühestens rauf, wenn ich 60 bin. Kann man damit überhaupt Fahrspaß haben? Wohl kaum. Könnte ich doch bloß die Suzi mitnehmen. Die verwöhnt mich mit Dynamik und Sportlichkeit. Bei der Harley komme ich ja sofort mit den Frühstücksbrettchen auf die Straße, wenn ich mich nur minimal in die Kurve lege. Und die Bremsen haben auch keinen Biss. Naja, macht nichts. Richtig auf Touren kommt so ein Trumm sowieso nicht. Aber einen Vorteil hat so eine Harley: Damit lässt es sich prima angeben. Beim Sommerfest mit den Kollegen. Erstens die tolle Route. Und dann auch noch auf einer Harley Davidson. Das hat die alle beeindruckt. Witzig, die haben echt keine Ahnung. Oder?

 

Samstag, 6.15 Uhr, Flughafen Hamburg

 

Das gibt’s ja gar nicht. Die Harley-Fahrer erkennt man echt auf Anhieb: Harley-Schuhe, Harley-Jacke, Harley-Rucksack. Die Firma hat es wirklich drauf, mit ihrem Merchandising Kohle zu machen. Hm, die meisten scheinen älter zu sein als ich. Sehen allerdings ganz nett aus. Mit denen kann man bestimmt Spaß haben. Ich lass’ mich überraschen.

 

Beim Umsteigen in London lerne ich Uwe aus Berlin kennen. Witziger Typ.

 

Sonntag, 9.30 Uhr

 

Nach einer Nacht im schicken Delta Chelsea Hotel in Toronto werden wir zum Spediteur gebracht, der unsere aus Deutschland angelieferten Bikes gelagert hat. So viel glänzendes Chrom und polierter Lack sieht schon klasse aus. Uwe hat ein kleines Problem. Seine E-Glide springt nicht an. Wusste ich’s doch, dass die Kisten nichts taugen. Aber Uwe nimmt’s gelassen: „Meine ist nicht die einzige, die angeschoben werden muss. Das ist bei den E-Glides normal.“ Ich sehe mir meine mal an. Immerhin springt die an. Allerdings hat sie eine Alarmanlage, die sich innerhalb weniger Sekunden scharf stellt. Na toll, da kann ich also an der Ampel oder an Bahnübergängen den Motor nicht ausschalten, weil dann bei der kleinsten Bewegung meinerseits der Alarm losröhrt. Die Verkleidung spricht mich auch nicht gerade an. Okay, sieht natürlich auch doof aus wegen der leeren Löcher für Radio und Lautsprecher. Die meisten anderen haben natürlich Radios an Bord. Einige sogar einen Tempomat! Ich glaub’s nicht. Wenn ich mir an der Suzi einen Tempomaten vorstelle…

 

Erster Fahreindruck: Auf dem Highway und im Stadtverkehr, wo man die Maschine sowieso nicht ausreizen kann, fährt sie sich nicht übel. Das Fahrwerk ist echt komfortabel. Schlaglöcher werden locker weggeschluckt.Die ersten Kilometer durch Torontos Vorstädte sind eher öde. Die Mittagshitze erwischt uns voll, und meine E-Glide strahlt zusätzlich Hitze ab. Nach rund 160 Kilometern hat sich die Landschaft total verändert. Das ist Kanada, wie ich es mag: viele Seen, Schilf, Wälder. Der Himmel zieht sich zu, es regnet ein bisschen. Schnell in die Regenjacke geschlüpft. Gegen 18 Uhr erreichen wir das Tapatoo-Resort in Parry Sound. Hey, hier zeigt sich Kanada echt von seiner schönsten Seite. Mitten im Wald liegen die kleinen Blockhäuschen, einen eigenen See gibt’s auch, und auf einen Gast kommen hier zwei Eichhörnchen. Jemand aus der Truppe will sogar einen Bären gesichtet haben. Abends gibt es ein typisch kanadisches BBQ und die Möglichkeit, sich für Ausflüge am nächsten Tag anzumelden. Eine Runde mit dem Wasserflugzeug oder eine Tour mit dem ATV (all terrain vehicle)? Da brauche ich nicht lange nachdenken.

 

Montag, 9.30 Uhr

 

Andrew von Bear Claw Tours (www.bearclawtours.com) holt uns ab. Von der Harley steige ich um auf das vierrädrige ATV. Witzige Dinger. Eine Kupplung gibt es nicht, und wo die Gänge liegen, muss man auch erst auf die Reihe kriegen. Nach einer kurzen Proberunde geht es ins Gelände. Unglaublich, was diese Kisten leisten können. Mühelos rollen sie über Stock und Stein, kleine Felsbrocken und umgestürzte Bäume. Auch Wasser macht ihnen nichts aus. Gleich die erste Pfütze ist überraschend tief. Kein Problem für das Vehikel. Höchstens für meine Füße, denn meine Schuhe werden geflutet. Mit fünf Fahrzeugen sausen wir haarscharf an Bäumen vorbei, steile Hügel hinauf und immer wieder durch tiefe Wasserlöcher hindurch. Die absolute Gaudi! Danach habe ich Lust auf einen faulen Nachmittag am Strand des Otter Lake.

 

Dienstag

 

In der Nacht hat es geregnet. Spuren auf einigen Sätteln beweisen, dass Kleintiere sich die Maschinen aus der Nähe angesehen haben. Eins der Viecher hat sogar auf eine Harley geschissen. Ausgesprochen komisch!

 

Ich mache mich allein auf den Weg, nehme den Highway 69 nach Norden. Er führt mich durch richtig tolle Sumpf- und Seenlandschaften mit zünftigen Felsbrocken und malerischen Seerosen-Buchten. Ansonsten ist die Tagesetappe nicht besonders spannend. An die E-Glide gewöhne ich mich allmählich. Zwar finde ich sie noch immer ziemlich unkultiviert, andererseits hätte ich auf meiner Suzi bei diesen kurvenarmen Strecken auch nicht viel Spaß gehabt. Dafür hätten mir die Knochen mehr wehgetan. Muss ich ja zugeben.

 

In Sudbury bestaune ich den angeblich größten Silber-Nickel der Welt. Bei einer kurzen Pause in einem „Kentucky Fried Chicken“ spricht mich die Kellnerin an, ob ich auch zu der Gruppe aus Deutschland gehöre. Vor einer Stunde waren wohl schon einige aus meiner Truppe in genau dem KFC-Laden. Die Begeisterung der Kanadier für Harley Davidson und damit auch für mich macht Spaß.

 

Nächster Übernachtungsort: Sault St. Marie dicht bei der US-Grenze. Wer mal dort ist, sollte auf keinen Fall einen Besuch im Bushplane-Museum versäumen. Verschiedene restaurierte Propeller-Maschinen, Wracks und Flugsimulatoren sorgen für spannende zwei bis drei Stunden.

 

Vom Hotel bis zur Grenze sind es nur sieben Kilometer. Wir fahren in der Gruppe. 50 Bikes, die im Tross auf den Grenzposten zurollen – ein irres Erlebnis. Irgendwie schon cool, dazuzugehören. Ich glaube, ich kaufe mir auch eine Harley…

 

In den Staaten zerbröselt die Gruppe wieder in kleine Grüppchen und Einzelfahrer. Ich passiere die Mackinac Brücke, die die Enge zwischen Lake Huron und dem Michigan Lake überspannt. Eindrucksvolles Ding mit ihren 34 Pfeilern und 168 Meter hohen Pylonen. Zum Fahren ist die Brücke eine echte Herausforderung. Der „Straßenbelag“ besteht nämlich teilweise aus Metallgittern, durch die ich das Wasser sehen kann. Darauf fährt es sich ziemlich schlecht, weil das Motorrad gefährlich ins Schwimmen gerät.

 

Highway 31 ist eine Küstenstraße nach Süden. Mann, ist das eine klasse Gegend! In Charlevoix und Traverse City gucke ich mir die Yachthäfen an. Immer wieder komme ich an Stränden vorbei. Immer wieder Wasser, so weit das Auge reicht. Wie am Meer. Dabei fahre ich die ganze Zeit an einem Seeufer entlang. Übernachtung in Ludington, wo es Dünen gibt, die locker mit Sylt konkurrieren können.

 

Donnerstag, 6.10 Uhr

 

In aller Frühe fahren wir – wieder in der Gruppe – zur Fähre, die uns über den Lake Michigan bringen soll. Spitze: Das Licht von 50 Harleys leuchtet in der Morgendämmerung. 50 Motoren brummen tief. 50? Nee, mindestens 250. Außer uns sind nämlich noch etwa 200 Bikes an Bord, die von Ludington nach Manitowoc und weiter zur Mega-Geburtstagsparty nach Milwaukee wollen. Kein Wunder, dass während der vierstündigen Überfahrt die vereinzelten Nicht-Harley-Passagiere ignoriert werden. Alles ist voll auf HD eingestellt. An der Bar wird Harley-Bier ausgeschenkt. Bei Durchsagen heißt es nicht: „Wer sein Fahrzeug an Bord hat, muss sich zum Entladen auf Deck XY einfinden.“ Sondern: „Achtung, die deutsche Harley-Gruppe trifft sich in zehn Minuten auf dem Upper Deck.“

 

Das Verlassen der Fähre ist ’ne echte Show. Reiseveranstalter Michael Merkentrup (www.crd.de) fährt mit einer riesigen Deutschlandfahne vorneweg, unsere übrigen 49 Bikes laut hupend hinterher. An der Straße stehen jubelnde Menschen mit Transparenten „Welcome home Harley-Riders“. Hey, das ist echtes Gänsehaut-Feeling.

 

Im Konvoi steuern wir den Harley-Dealer von Manitowoc an. Der feiert eine eigene Jahrhundertfeier mit Getränken und Grillwurst. Alles kostenlos, versteht sich. Die echten Harley-Freaks – und davon bin ich inzwischen umzingelt – stürmen den Shop, um nach Shirts und Accessoires Ausschau zu halten, die sie in Deutschland nicht kriegen. Verrückt.

 

In sengender Hitze und bei ziemlich viel Stau lege ich die letzten Meilen zum Hotel Baymont Inn in New Berlin vor den Toren Milwaukees zurück. Auch, wenn ich glaube, auf der E-Glide zu verglühen, ist die letzte Etappe ein Genuss. Immer wieder nämlich winken mir jubelnde Menschen zu, die die Harleys und ihre Fahrer in der Heimat willkommen heißen.

 

 

 

Freitag, Samstag, Sonntag

 

Die ganze Stadt im Harley-Rausch. Bestimmt 300.000 Motorräder sind zeitgleich in Milwaukee. Ich bummel über den Sommerfest Ground, wo Shops, Food-Buden und fünf Bühnen sind. Fast den ganzen Tag bis in den Abend kann man von einer Show ins Konzert und wieder zur nächsten Show schlendern. Live-Musik von Billy Idol, Steppenwolf, B.B. King, Styx, Peter Frampton und den Doobie Brothers. Dazu rasante Stunts von BMX-Rädern und natürlich Motorrädern. Ich mache eine Werksbesichtigung mit und lasse keine Händlerparty aus. Am besten finde ich, die ganzen durchgeknallten Typen zu beobachten. Da ist einer am ganzen Körper tätowiert und lässt sich willig mit diversen Mädels fotografieren. Ein anderer hat die Haare in harley-typischem Orange-Schwarz gefärbt. Einige Frauen präsentieren sie äußerst freizügig, und einige Maschinen sind richtige Hingucker. Ein Skelett auf dem Rücksitz, Lackierungen, als wäre der Tank aufgerissen, doppelt dicke Auspuffrohre. Ich gucke einem Airbrush-Künstler über die Schulter, der Motorrädern und Helmen ein neues Outfit verpasst.

 

Der Abschlussevent am Sonntag ist mit ziemlich viel Warten und Schlangestehen verbunden. Auf riesigen Leinwänden flimmern Bilder vom Ride Home, den Partys in den verschiedenen Städten der Welt, der Parade am Samstag. Dann der Countdown: ten, nine, eight,… Düsenjets sausen im Formationsflug über die Köpfe von bestimmt 150.000 feiernden Fans hinweg. Klasse! Dann gibt es wieder jede Menge Live-Musik. Bei Kid Rock geht die Post ab. Der Mega-Überraschungsgast ist Elton John. Die absolute Fehlbesetzung. Eine Massenflucht setzt ein, der ich mich anschließe. Dann lieber im Hotel noch gemütlich ein Bierchen zischen.

 

Montag, Labor Day

 

Eigentlich steht mir ein kurzer Fahrtag bevor. Eigentlich. Dummerweise wimmelt es auf dem kurzen Weg nach Chicago nur so von Baustellen und Umleitungen. Obwohl ich viel mehr Lust auf die sehenswerte Küstenstraße hätte, gebe ich auf und nehme den Highway 94. Zu allem Überfluss regnet es auch noch. Na toll! Bei dem Wetter sieht die Skyline von Chicago nicht gerade gut aus. Alles grau in grau. Dafür ist das Hotel Allegro mitten in der City umso schöner. Dort hat CRD-Chef Michael Merkentrup eine Weinprobe für uns organisiert. Ein netter Start in den Abend. Nach dem guten Tröpfchen im Hotel ist es draußen trocken. Ich schließe mich mit Peter zusammen, der wie ich Rockmusik dem Jazz, für den die Stadt eigentlich berühmt ist, vorzieht. Wir gehen erst mal deftig essen und anschließend gönnen wir uns ein fetziges Rockkonzert der Gruppe „Trapt“ im „House of Blues“. Wer in Chicago ist, sollte sich diesen Laden auf keinen Fall entgehen lassen. Heißer Tipp: Ausweis mitnehmen, sonst gibt’s kein Bier an der Bar. Auch nicht für einen 42jährigen.

 

Dienstag, 8 Uhr

 

Der Himmel ist noch immer bedeckt, es ist ziemlich kühl. Ausgerechnet heute, wo ich fast 700 Kilometer auf dem Bock vor mir habe. Für Umwege bleibt keine Zeit. Ich reiße langweilige Highway-Meilen ab. Am liebsten würde ich zwischendurch ein kleines Nickerchen machen. Aber das geht natürlich nicht. An einer Zapfsäule im Staate Michigan macht mir ein Schild klar, dass mit der Polizei hier überhaupt nicht zu spaßen ist: „Drive off without paying and it could be the last time you drive.“ Das ist deutlich.

 

Weiter auf dem Highway. Ein totes Reh auf dem Mittelstreifen, zerfetzte Reifen und riesige Werbeschilder sind die einzige Abwechslung in der Monotonie. Um 18 Uhr habe ich es endlich geschafft. Mein Rücken rebelliert, mein Po ist platt gesessen. Trotzdem: Auf meiner Suzi könnte ich mich jetzt gar nicht mehr rühren. Da würden mir alle Knochen noch viel mehr wehtun. Für lange Geradeaus-Strecken ist die Harley einfach ideal.

 

Highlight des Tages: ein Bad im Lake Huron. Komme mir vor wie an der Ostsee. Hier gibt es genauso einen schönen Strand und so tolle Wellen. Nur schmeckt das Wasser viel besser, weil das hier schließlich ein Süßwassersee ist.

 

Mittwoch, der letzte Fahrtag

 

Durch ländliche Gegenden, Orte mit very britishen Namen, wie Exeter und London, und durch weite Tabakanbaugebiete, Getreide- und Gemüsefelder fahre ich zurück nach Toronto. Nicht direkt. Schließlich komme ich auf dem Weg fast an den Niagarafällen vorbei. Logisch, dass ich mir die angucke. Zuerst nehme ich die Gondel über den sogenannten Whirlpool. Das sind Stromschnellen, die hinter den Fällen liegen. Dann fahre ich den Fällen entgegen und kann sie schon von weitem sehen. Beeindruckend. Je dichter ich heranfahre, desto mehr berieselt mir die Gischt mein Visier. Witzig ist die „Journey behind the falls“. Nicht, dass man viel sehen würde, wenn man mit dem Fahrstuhl in ein Tunnelsystem hinter den Fällen gefahren ist. Aber das Gefühl und die Geräusche sind schon witzig. Außerdem gibt es eine Plattform, auf der man unmittelbar neben den Fällen steht. Nach einer Minute wäre man klitschnass, weshalb man vorher lustige knallgelbe Regencapes bekommt.

 

Nach der feucht-fröhlichen Besichtigung treffen wir uns und fahren alle gemeinsam zur Spedition nach Toronto, um dort unsere Bikes wieder abzugeben. Ich fahre die E-Glide auf eine Palette und zurre sie fest. Rund 3000 Kilometer haben wir zusammen verbracht. Okay, ich gebe es ja zu, ich habe ihre Vorteile kennen gelernt. Trotzdem ziehe ich meine Suzuki noch vor. Noch. Wenn ich mal älter bin, dann vielleicht…

 

Ich schnappe mir meinen Rucksack und schlendere aus der Halle. Ein Mitarbeiter der Spedition prüft, ob alle Motorräder auch wirklich fest auf den Paletten stehen. Ein bisschen rütteln hier und schütteln da. Und schon höre ich das vertraute laute Hupen einer Alarmanlage. Tschüss Harley!

 

 

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