Brasilientour 2003

 

 

Als begeisterter Brasilienfan und seit meinem Eintritt in den Vorruhestand wollte ich das Land nicht immer nur per Auto und Flugzeug, sondern auch bestimmte Regionen mit dem Motorrad bereisen. Wer glaubt dieses Land lässt es nur zu, am Strand entlang zu fahren, hat sich schwer geirrt. Herrliche Nebenstrassen und Gebirgsserpentinen, eingerahmt von farbenprächtigen Wäldern und fantastischen Aussichtspunkten, lassen die Tour zu einem unvergessenem Erlebnis werden. Die riesigen Represas (große Stauseen) sind immer ein faszinierender Anblick.

 

Allerdings gab es vor dem Beginn der Tour noch einige Probleme zu beseitigen. Nirgends gab es ein Bike zu mieten. So entschloss ich mich kurzfristig eins zu kaufen. Das wiederum war nicht so einfach. Ich entschied mich für eine gebrauchte Honda CBX-Strada 200 (ein Moped für das es an jeder Straßenecke Ersatzteile und Mechaniker gibt). Natürlich nicht zu vergleichen mit meiner Yamaha in Deutschland, aber für brasilianische Straßen ausreichend.

 

Gesagt getan!

 

Ich erstand ein 4 Jahre altes Gerät, musste mich aber aufklären lassen, dass man als Ausländer kein Fahrzeug zulassen kann. Also wurde das Bike auf den Namen unserer brasilianischen Freunde zugelassen. Die Umschreibung war ein Fiasko, Bürokratie im Quadrat und teuer. Die Gebühren richten sich nach dem Kaufpreis und die Bearbeitung wird von privat betriebenen Büros gemacht.

 

Interessant ist auch, dass in den Papieren die Verstöße im Verkehr eingetragen werden. So konnte ich an den Eintragungen die Strafen und auch die dafür zu zahlenden Beträge meines Vorbesitzers nachlesen.

 

Nach einigen Tagestouren bei scheußlichen 36°C stand der Entschluss fest: Durch einige Gebirge an den Strand und wieder zurück.

 

Mein Ausgangspunkt lag in Cosmópolis, einer Kleinstadt 30 Km von Campinas und 130 km von Sao Paulo entfernt.

 

Bei den günstigen Unterkunfts- und Verpflegungspreisen fiel das Gepäck sehr gering aus. Ich übernachtete in Pousadas, das sind private Unterkünfte. Entweder Zimmer mit Frühstück oder Chales. Die Preise schwankten zwischen 15 und 50 Real, das entsprach zu dem Zeitpunkt etwa 4 bzw. 13.40 Euro. Ein Abendessen mit ein bis zwei Bier kostete 2 bis 3 Euro, ein Caipirinha 2 Real, also 53 Eurocent.

 

Ich will hier die Tour nicht kilometergenau vorstellen, sondern einfach die Strecke und die angefahrenen Punkte beschreiben. Insgesamt etwa 2000 Km.

 

Von Cosmópolis fuhr ich in Richtung Campinas. Dort stellte ich mein Motorrad auf einem der beiden bewachten Motorradparkplätze ab. Dann sah ich mich in einem riesigen Einkaufscenter nach Straßenkarten der Region Sao Paulo um, da ich nur im Besitz der üblichen an den Tankstellen zu erwerbenden Karten war. Diese entsprachen aber eher dem Maßstab von Atlanten.

 

Tatsächlich wurde ich fündig und erstand eine Karte auf der auch kleinere Straßen eingezeichnet waren. Anschließend fuhr ich weiter nach Braganca Paulista. Von dort in die Serra Mantiqueira. Dieses Gebirge zieht sich vom Staat Sao Paulo tief hinein nach Minas Gerais. Nahe einer kleinen Stadt „Joanópolis“ befindet sich der höchste Wasserfall im Staat Sao Paulo mit 164 m. Die Zufahrtsstrasse ist nicht asphaltiert und wenn es geregnet hat extrem rutschig.

 

Wochentags sind die Straßen tagsüber fast nicht frequentiert und es ist herrlich zu fahren. Ich fand eine abgelegene Pousada mit 14 Chales . Es stellte sich heraus dass das Besitzerehepaar (beides Brasilianer) sich in meiner Heimatstadt München beim Oktoberfest kennengelernt hatten (Brasilianer lieben Bier). Da war natürlich das Eis sofort gebrochen und ich durfte mir mein Chale selbst aussuchen (3 Zimmer-6 Betten). Da ich momentan der einzige Gast war, wurde der Pool mit 25x8m extra für mich gereinigt. Ich wurde, wie man so schön sagt, nach Strich und Faden verwöhnt und musste natürlich viel von München erzählen.

 

Nach einem zweitägigem Aufenthalt fuhr ich weiter Richtung Strand, durch Taubate, Sao Jose dos Campos, Jaquare, nach Caraguatatuba. Unterwegs vorbei an vielen Chacaras.

 

Das sind Kleinbauernhöfe bei denen gemischte Land- und Viehwirtschaft betrieben wird. Im Gegensatz zu Fazendas die nur mit Rindern arbeiten. Der Ortsname Caraguatatuba ist, wie viele Ortsnamen in Brasilien, Indianischen Ursprungs und war meine erste Station am Meer.

 

Hier kann man fantastisch Fisch, Muscheln und Hummer essen, zu Preisen die einem nur ein müdes Lächeln abgewinnen.

 

Auch von Konstruktionsfehlern am Bau konnte ich mich überzeugen. Hier trifft das Sprichwort „auf Sand gebaut“ wirklich den Nagel auf den Kopf.

 

Nach einer eintägigen Pause, in der ich, wie es am brasilianischen Strand üblich ist, an einer der kleinen Bars herum hing, ging es weiter Richtung Norden. Durch Ubatuba nach Parati. Parati ist eine sehr schöne kleine alte Stadt aus der Kolonialzeit der Portugiesen. Mit alten tief gelegten Pflasterstrassen, die bei Flut vom Müll gereinigt wurden, und Häusern mit handbemalten Kacheln. Hier trifft man auch auf ausländische Touristen, die wahrscheinlich meistens aus dem nicht mehr allzu weit entfernten Rio hierher kommen. Da ich das Städtchen aber schon von früher her kannte, blieb ich nicht lange. Ich entschied mich wieder für Berge und Kurven und fuhr durch die Serra de Mar in Richtung Minas Gerais, dem Nachbarstaat von Sao Paulo.

 

Nach kurzen Zwischenaufenthalten in kleinen Städten und Ortschaften landete ich wieder in der Serra Mantiqueira, die es mir wegen ihrer schönen und wenig befahrenen Straßen und Serpentinen angetan hatte. Ich quartierte mich wieder in einer kleinen Pousada ein und befuhr ein wenig die Straßen in die nächstgelegenen Ortschaften. Bei kleinen Pausen, die ich einlegte um etwas zu trinken, wurde ich regelrecht ausgequetscht was denn mit dem Euro und dem Fußball in Deutschland so los ist und wieso ich ausgerechnet mit dem Motorrad fahre wo es doch so tolle Autos gibt. In der Nähe war ein riesiger Stausee dessen Ende man nur ahnen konnte.

 

Von hier aus, an endlosen Kaffee- und Orangenplantagen vorbei, gelangte ich auf eine Straße, die mir beinahe die Lust am fahren nahm. Etwa 100 km Schlaglöcher! Ich bin ja schon einiges gewohnt, so z. B. hunderte von Lombadas, die ich meist stehend passiert hatte (Lombadas sind quer über die Straße gezogene Bodenwellen zum Reduzieren der Geschwindigkeit in Ortschaften).

 

Aber auf einer Strasse, die nur aus Löchern besteht und maximal Spitzengeschwindigkeiten von 30 km/h zulässt, macht Biken selbst bei einer schönen und interessanten Gegend keinen Spaß mehr.

 

(Eigentlich handelte es sich nicht um eine Straße mit bis zu 40cm tiefen Löchern, sondern um Löcher mit etwas Straße drum herum)

 

Doch auch das ging irgendwann zu Ende und die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen entschädigt mich für vieles.

 

Bei jeder Pause die ich machte, hielt sofort jeder vorbeikommende Motorradfahrer an, um zu fragen ob es Probleme gibt.

 

Das zerstreute auch meine anfänglichen Bedenken alleine zu fahren. Es ergaben sich immer kurze nette Gespräche und ich musste die Neugierde der Einheimischen mit Berichten aus Deutschland befriedigen.

 

Auf den größeren und wichtigsten Verbindungsstraßen ist auch die DERSA (vergleichbar mit unserem ADAC) unterwegs.

 

Meine letzte Station war die Serra Negra, die nicht mehr weit von meinem Ausgangspunkt entfernt lag. Hier fand ein Treffen von Motorradfahrern statt und ich konnte so manchen Stunt bewundern.

 

Die letzten Kilometer waren schnell bewältigt und ich freute mich schon auf einen Caipirinha.

 

Die kleine Honda hat alles geduldig über sich ergehen lassen und nicht ein einziges Mal gemeckert. Außer einem platten Hinterreifen lief alles prächtig. Hier machte es sich bezahlt, dass ich ein Motorrad gekauft hatte das überall gefahren wird. Neben einer Tankstelle, die ich mit fast luftleerem Reifen erreichte, war eine kleine Borracheria ( Reifenwerkstatt). Deren Besitzer lies sofort den LKW stehen um mir zu helfen. Er hatte sogar einen neuen passenden Schlauch auf Lager.

 

Bei einem Durchschnittsverbrauch von 4 Litern und Spritpreisen von 48 Eurocent macht Reisen Spaß. So ist auch die nächste Tour schon wieder geplant, wenn ich im Frühjahr 2004 meinen Flug nach Brasilien antrete. Da ich begeisterter Funkamateur bin, werde ich das nächste Mal einige befreundete Amateure mit dem Motorrad besuchen.

 

Ich hoffe, dass meine nächste Tour wieder so viel Spaß macht und ich vielleicht davon berichten kann.

 

Bericht und Bilder von Fritz Ragaller

 

 

 

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