Eine Tour durch Frankreich

 von Friederich Prinz

Im Juli 2001 mit dem Motorrad, im Juli 2002 zunächst mit dem Motorrad und dann im August mit dem Auto durch Frankreich - das waren Fahrten, in denen die Neugier auf unseren großen Nachbarn erst richtig geweckt wurde. Sonne, laissez faire, schöne Landschaften, freundliche Menschen, Wind um die Nase und viele, viele Stunden auf dem Motorrad - das wollte ich auch in diesem Jahr haben. Vom 29. Mai (Christi Himmelfahrt) bis zum 6. Juni 2003 war ich darum unterwegs; 9 Tage und 8 Nächte. Aber in diesem Jahr wollte ich Frankreichs Norden abklappern. Und dort gibt es Eines nicht - eine Garantie für sonniges Wetter.

Tatsächlich hatte ich, während die Menschen im "fernen" Deutschland im heißesten und trockensten Juni seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen litten, in 6 von 8 Nächten Regen. In einer Nacht, schon wieder tiefer im Süden, habe ich gleich zwei Gewitter aushalten müssen. Am nächsten Morgen stand das Wasser mehrere Zentimeter hoch im Rasen. Aber bereits am Nachmittag habe ich mir in nur zwei Stunden (ohne Handschuhe gefahren) einen so heftigen Sonnenbrand an den Händen eingefangen, dass ich ab dem darauf folgenden Tag ohne Handschuhe fahren MUSSTE.

Meine Route hat mich zunächst entlang der belgisch-französischen Grenze an die Kanalküste geführt. Von dort aus ging es konsequent an der Atlantikküste entlang, bis hinunter zum Kap Feret.Auf meiner Route lagen berühmte Städte wie Dünkirchen, Calais, Le Havre, Mont St. Michel, Saint Malo, Brest, Nantes, Carnac - und auf dem Rückweg Cognac und Paris. 4.162 km Spaß, Bilder, Motorradfahren - und am Ende das sichere Gefühl, noch mehrmals wieder hinzufahren. Frankreich ist eben einfach schön.

An der Kanalküste - und nicht nur dort - begegnet der Reisende auf Schritt und Tritt den Zeugen der älteren und jüngeren Geschichte Frankreichs. Bunkeranlagen, wie hier in Dünkirchen, die unsere deutschen Vorfahren dort hinbetoniert haben, stehen wie selbstverständlich in der Landschaft herum, im Schutz der Dünen, direkt neben einem Campingplatz. Warum auch nicht. Das ist sicher ein sehr solides, gleichmäßig kühles Lager. Die Franzosen sind in solchen Dingen viel pragmatischer als wir.

Die Gedenkstätten an Omaha Beach und Utah Beach werden natürlich sehr gepflegt. Und der amerikanische Schrott, der dort allerorten zu "bewundern" ist, wird gebührend bestaunt - von den Amis und den Tommys, die anscheinend nicht nur ihre aktuelle Identitätskrise durch eine Flucht in die Vergangenheit zu bewältigen trachten. Die pfiffigen Franzosen haben ihre ersten Hinweisschilder auf "Camping de Omaha Beach" bereits in der Bretagne stehen. Und an fast bei jedem alten, zerschossenen Panzer steht gleich eine Pommesbude. Amis und Tommys gehen ihrem Heldenkult nach, und Fritze sehen zu, dass sie solche Orte möglichst bald hinter sich lassen.

Ich wüsste auch nicht, was es hier zu bestaunen oder gar zu bewundern gibt. Von den vielen Menschen, die hier von ihren Generälen - hüben wie drüben - in den Tod geschickt wurden, war Niemand ein Held. Das Andenken an die furchtbaren Kriege nutzt aber nichts, wie die jüngeren, kriegerischen Ereignisse allzu deutlich zeigen.

Darum habe ich meine Photos flugs "von außen" gemacht, beinahe im Vorbeiflug, um mich endgültig der Atlantikküste zu widmen.

An den Stränden längs der Kanalküste findet man nicht nur in den Marinas ganz hervorragende Toilettenanlagen. Als "Wandervogel", ohne festen Anlaufpunkt, lernt man Solches schnell zu schätzen. Und wenn sowohl die Strände, als auch die Toilettenanlagen saisonbedingt leer sind, dann ist das ein Grund mehr, möglichst dicht "unter der Küste" entlang zu schaukeln und Frankreich zu genießen.

Das Wetter wurde am zweiten Tag auch richtig gut. Es war sonnig, aber nicht heiß. Wolken und heller Sonnenschein wechselten einander ab; gerade in dem Rhythmus, der bei einer Spazierfahrt weder ein Frösteln aufkommen lässt, noch zu Schweißausbrüchen führt.

Man fährt nicht schnell "am Wasser entlang". Ich war einige Tage jeweils gute 10 Stunden auf der Maschine; und habe trotzdem gerade einmal 300 km fahren können. Es gibt einfach ungeheuer Vieles zu sehen. Der Hafen von Fecamp ist so etwas Sehenswertes; jedenfalls für eine Landratte wie mich.

Damit die großen und kleinen Boote bei dem riesigen Gezeitenhub (bei Mt.St.Michel bis zu 14 m!) nicht allesamt trocken fallen, haben die Menschen sich in vielen Häfen mit einer Mauer geholfen. Innerhalb der Mauern wird das Wasser bei Ebbe mindestens so hoch gehalten, dass auch die längsten Kiele noch die berühmte handbreit Wasser unter sich behalten. Außerhalb der Mauern muss man bei Ebbe laufen; kilometerweit.

Es braucht einiges, wenn man sich "satt sehen" will. Die Küste der Normandie ist lang, wunderschön, an vielen Stellen verträumt (jedenfalls außerhalb der Feriensaison) und voller Einladungen zur nächsten Rast.

Der Spaß am Fahren kommt dabei keineswegs zu kurz. Im Gegenteil; wo die Straßen dem unregelmäßigen Verlauf der Küste folgen, sind Geraden echte Ausnahmen. Reisen ist hier angesagt. Rasen ist kaum möglich. Und wer wird diese Landschaft ohne Not durcheilen? Deshalb bin ich gefahren, bis mich ein Bild zum Halten aufgefordert hat. Das war meist nicht weit. Manchmal hat es nur wenige Kilometer gedauert, bis mir allein die Neugier aus dem Sattel geholfen hat. Zum Beispiel die Gerüste der Garnelenfischer sind "untersuchenswert". Immerhin gibt es in deren Nähe ausnahmslos frische Meeresfrüchte zu kaufen, roh, oder zubereitet nach der Art der Gegend, preiswert und sehr lecker ;-)

Ein besonders interessantes Bauwerk lässt sich bei LeHavre erfahren; die Brücke der Normandie. Dafür muss man ein paar Kilometer Autobahn in kauf nehmen. Das Erlebnis der Brückenüberfahrt rechtfertigt dies aber in jedem Fall. Und Motorradfahrer brauchen nicht einmal Maut zu bezahlen. Jedenfalls hat mich der junge Mann an der Mautstelle lachend weiter gewunken, ohne mir auch nur einen Cent abzunehmen.

Auf der anderen Seite der Mündung der Seine habe ich später selbst Photos von der Brücke zu machen versucht (da war ich mit meiner Frau in der Normandie), aber keines gibt wirklich wieder, was dieses Bauwerk so beeindruckend macht. Ich habe selbst im Internet kein Photo finden können, das die Ponte Normandie in seiner Gänze zeigt. Auch das Bild hier gibt nur einen Teil des Gesamtbauwerks wieder.

Aber - wenn man zur Brücke hin fährt, sieht man sie hoch vor sich aufragen. Ihr Bogen steigt steiler, als das Photo vermittelt. Steil zieht die Straße in den Himmel, so steil, dass die meisten Fußgänger Pausen auf dem Weg nach oben machen müssen. Ich habe bei der Auffahrt gejubelt wie ein kleiner Junge und bei der Abfahrt gejauchzt!

Zum Jauchzen sind auch die vielen kleinen Campingplätze, die Anfang Juni allesamt noch leer sind. Mancher Platz ist dann noch gar nicht geöffnet. Mehr als einmal bin ich mit offensichtlich ehrlichem Bedauern gebeten worden doch lieber zum nächsten Platz zu fahren, weil zum Beispiel die sanitären Einrichtungen noch gar nicht in Betrieb genommen waren.

Wenn überreichlich Platz zur Verfügung steht, darf man sich natürlich aussuchen, in welcher Ecke der gartenartigen Anlage man sein Zelt aufschlagen möchte.

Aber je ruhiger und ungestörter man die Lage des Platzes auswählt, um so sicherer kommen Einheimische den Gast besuchen.

Immer wieder faszinierend ist für mich das gewaltige Spiel von Ebbe und Flut. Zu wissen, dass diese Kraft in Elektrizitätswerken genutzt wird, ist eine Sache. Zu sehen, wie selbst viele tausend Tonnen schwere Kolosse aus Stahl bei Ebbe hilflos im Schlick liegen, sich aber bei Flut stolz auf dem Meer wiegen, ist etwas ganz anderes.

Eine Route an der Küste führt immer wieder zu anderen Kaps. Viele davon sind in der Literatur zu Ehren gekommen, oder durch das Kino bekannt geworden. Das Kap LaHague gehört auch dazu (Das Boot; Buchheim). LaHague ist eine verzauberte Landspitze in einer verzauberten Landschaft. Die Zeit scheint dort stehen geblieben zu sein. Vieles sieht hier englischer aus, als England selbst. Jedenfalls ist es weniger kaputt als in England. Das allein ist einen Besuch wert.

Die französische Küste hält aber auch Sehenswürdigkeiten ganz anderer Art bereit. Ein Ort von ganz eigener Natur ist dieser hier:

 

 

Ich habe den Mont St. Michel ungefähr sechs Wochen später gemeinsam mit meiner Frau noch einmal besucht. Einige der leuchtenden Photos, die ich dabei gemacht habe, wollte ich eigentlich hier zeigen. Aber das wäre irgendwie nicht richtig gewesen. Auf meiner Motorradtour habe ich den Mont so gesehen; beinahe vom Nebel verschluckt, kalt, düster, nass. Touristen waren kaum unterwegs. In den frühen Morgenstunden brannte noch keine Lampe in den Häusern des Dorfes. Etwas Mystisches hat der Mont in einer solchen Stunde durchaus. Aber da ist nichts Erhabenes, nichts himmlisch Tröstendes, kein Versprechen auf ein warmes Frühstück. Da ist nur der Mont und hinter ihm liegt entweder das Meer oder ein bis zu 15 km breiter "Strand"; lebensgefährlich. Ich bin hier, weil ich ihn einmal vis a vis sehen wollte. Ihn stört das nicht.

Und hier ist die Normandie zu Ende. In Blickrichtung beginnt links am Fuß des Mont die Bretagne. Von dieser Gegend habe ich so viel gelesen - und so wenig davon stimmt. Mir scheint, die meisten Menschen haben einen der vielen liebenswerten Flecken der Bretagne kennen gelernt, sich verliebt, und diesem Flecken lebenslange Treue gelobt. Das ist insoweit verständlich, als die Bretagne sehr viele wunderschöne Flecken zur Entdeckung bereit hält. Aber nur von dem was einer dieser Flecken bietet, auf die ganze Landschaft zu schließen, fügt der Bretagne in höchstem Maße Unrecht zu.

Saint Malo, der alte Seeräuberhafen von Robert Surkouf, die zerfurchte und wildromantische nördliche Küste von St. Lunaire bis Brest, das Finistere und Morbihan (das "Keltenland"), viele alte Städte im Innenland wie Rennes und Nantes - um nur die beiden größten zu nennen - und immer wieder freundliche Menschen an einer schönen Küste lassen das Staunen nicht aufhören. Straßen die denen der Normandie in nichts nachstehen, besser werdendes Wetter (ab Kap LaHague geht's südlich) und schon mehr Bilder in Kamera und Kopf als sich verarbeiten lassen, haben mich häufiger von den Küstenstraßen weggeführt. Ich bin schneller geworden.

Aber ein Abstecher nach Brest musste einfach sein. Der Hafen ist gewaltig groß; unüberschaubar, quirlig - und viel zu laut, wenn man mehrere Tage beinahe ohne menschliche Kontakte verbracht hat.

Die Küstenabschnitte bei Kergal sahen nur sechs Wochen später völlig anders aus! Die wilde Wiese, die ich während meiner Tour noch vorfand, war vollständig mit Imbissbuden, mobilen Toilettenanlagen, Diskozelten und Mobilheimen belegt. Nur 5 Kilometer nördlich von diesem Strandabschnitt liegen die "Gärten von Kergal"; ein herrlicher Campingplatz. Aber die Leute wollen eben direkt ans Wasser...

Bretagne: "Alignements" bei Carnac

Wenig aussagende, aber trotzdem beeindruckende und geheimnisvolle Zeugen aus der Zeit der Kelten finden sich in der Gegend um Carnac. Die seriöse Wissenschaft rätselt und findet keine Anhaltspunkte dafür, was diese Steine den Kelten bedeutet haben könnten. Weniger seriöse, oft selbst ernannte Wissenschaftler stellen die wildesten Vermutungen an, und "beweisen" ihre Hypothesen mit dem Hinweis, dass es keinem seriösen Wissenschaftler gelingt, ihre Hypothesen zu widerlegen.

Die Literatur hierzu misst sich mittlerweile in Tonnen. Ich meine, man sollte sich dem Ort und seiner besonderen Stimmung einfach hingeben. Mich berührt Carnac im späten, warmen Abendlicht sanft und friedlich. Es ist mir egal, ob die Kelten die Steine aufgestellt haben. Es ist mir auch egal, warum sie es getan haben. Jetzt wäre es einfach sehr schön, wenn meine Frau hier wäre (Wir haben auf unserer gemeinsamen Tour im Hochsommer natürlich auch Carnac besucht ;-)).

Lustig sind auf einer Reise immer wieder auch die direkten und indirekten Begegnungen mit Einheimischen. Dieser Franzose ist bei meiner Dicken stehen geblieben und hat sich Tessa intensiv angeguckt, während seine Frau die Steine photographiert hat. Als Madame zum Auto zurück ging, hat ihr Mann sie mit einer einladenden Armbewegung zu meiner Maschine gewunken und ihr etwas mitzuteilen versucht. Was er ihr gesagt hat, habe ich nicht verstanden. Verstanden habe ich aber das laute und eindeutige NON von Madame. Sie hat sich dabei weder umgedreht, noch den Schritt um einen Deut verlangsamt. Monsieur ist daraufhin seiner Frau gefolgt, still, mit hängendem Kopf. Der Junge kriegt sein Spielzeug nicht ;-)

Mein südliches Ziel war dieses Mal "die Gegend um Bordeaux". Dazu musste ich eine weitere beeindruckende Brücke überqueren, dieses Mal über die Mündung der Loire (bei St. Nazaire).

In Royanne, auf der nördlichen Seite der Gironde, ist die Mündung der Gironde so weit, dass auch die Franzosen hier noch keine Brücke bauen wollten. Und weil ich am frühen Abend ankam, aber bis zum Morgen warten musste (Fahrplan der Fähre), habe ich auf einem Vier-Sterne Platz gezeltet. Dort hat mir eine hübsche, vollbusige junge Dame in französisch erklärt, wo die sanitären Anlagen sind, bis wann mir das Schwimmbad zur Verfügung steht, ab wann das Restaurant des Platzes öffnet und wie ich dort Speisen vorbestellen kann... Irgendwie hat mich der Schalk geritten. Ich habe den zwitschernden, für mein ungenügendes Französisch viel zu schnellen Redefluss unterbrochen und der jungen Damen strahlend erklärt, dass sie sich keine Mühe zu geben brauche, weil ich ohnehin kaum etwas verstünde. Sie hat mir daraufhin diensteifrig in fehlerfreiem Deutsch erklärt, dass sie "es mir auch in deutsch machen" könne. Aaah - qui, cest tres bien ;-)

Nur einen Sekundenbruchteil später hat ihr feuerrot aufflammendes Gesicht aber keinen Zweifel mehr daran gelassen, dass es sich hier um einen linguistischen Irrtum handelte.

Naja - das hervorragende Deutsch hat sie übrigens an der deutsch-niederländischen Grenze in der Gegend um Enschede gelernt. Da ist sie aufgewachsen. Das hat sie mir dann doch noch verraten ;-)

In dieser Nacht hat es "junge Hunde" geregnet. Ich habe mir aber schon im Vorjahr in den Bergen der Provence von den Franzosen abgeschaut, wie man einfach aber effektiv auch dem stärksten Regen begegnen kann. Eine billige Gewebeplane aus dem Baumarkt nimmt kaum Platz weg, hat nur ein sehr geringes Eigengewicht und schützt absolut zuverlässig vor durchschlagendem Regen. Das mag nicht so gut aussehen – aber es wirkt!

Am nächsten Morgen stand eine kurze Seereise auf dem Programm. Die Fähre über die Gironde, von Royan nach Pointe de Grave, spart mindestens 140 km Fahrt. Die nächste Brücke quert die Gironde erst 70 km weiter südlich, bei Blaye. So weit südlich wurde es jetzt tagsüber schon richtig heiß. Ich wollte noch vor dem Mittag in Kap Ferret ankommen, um die Dünen von Pyla dieses Mal vom Land aus zu photographieren. Aber in der eher einförmigen Landschaft der Landes vertut man sich schnell mit Entfernungen und Zeiten. Als ich in Kap Ferret ankam, war es früher Nachmittag, heiß; und glasiges Sonnenlicht hat gute Photos sauber verhindert.

Und genau an diesem Punkt begann der Heimweg meiner Tour 2003.

Einem Rentnerpaar aus Freiburg musste ich noch schnell erklären, dass ich gerne alleine unterwegs bin, dass ich keinen Kriegserinnerungen meines Vaters (bei Kriegsende gerade 16 Jahre alt) nachspüre und dass ich in drei weiteren Tagen zu Hause sein wollte.

Über Cognac (herrlicher Zeltplatz (municipal)) , Poitiers, Tours und Orleans ging es nach Paris. Auf diesem Weg liegt viel Landschaft, die überwiegend keinen Tourismus kennt oder das sehr gut aushält. Stille Dörfer, Wiesen voller Mohnblumen, junge Stiere nur durch flache Mauern auf der Weide gehalten - eine friedvolle Landschaft.

Und dann Paris!

Mit dem Motorrad nach Paris zu fahren, war ein Jugendtraum. Einmal die Maschine unter dem Eiffelturm abstellen, in einem der Straßencafes bei Cafe au lait sitzen , den Madmoiselles zulächeln... und den berüchtigten Straßenverkehr selbst erleben! Das wollte ich in diesem Jahr ausprobieren.

Straßenverkehr: Die Pariser sind schlicht bekloppt! Schon die Einfahrt nach Paris, morgens gegen acht Uhr, war ein lebensgefährliches Abenteuer. 15 km vor der Cite fahren die Autos nur noch im Schritttempo. Motorräder, Roller und andere Zweiräder rasen (!) akrobatisch dazwischen herum. Ich habe vielleicht fünf Minuten lang versucht, dabei mitzuhalten. Mit 60 km/h zwischen schritt fahrenden und stehenden PKW durchzufahren kostet Nerven. Von hinten angehupt zu werden, weil man viel zu langsam ist, kostet weitere Nerven. Wenn man sich dann zwischen zwei PKW einreiht, um die vermeintlich schnellen und schmalen Motohs durchzulassen, und wenn man dann sieht, dass der lautestes Drängler eine dicke Goldwing fährt, dann ist das sicher keine Schande, gemütlich und halbwegs sicher zwischen den PKW zu bleiben und sich einfach in die Innenstadt hineinschwemmen zu lassen.

Ich bin auf den Champs d'Elysses gefahren, vom Elyssepalast bis zum Montmatre und zurück. Das ist ein weiteres Abenteuer im motorisierten Verkehr. Am Triumphbogen habe ich irgendwann eine falsche Ausfahrt erwischt und bin im Bois de Bologne gelandet. ...schön dort. Aber ich wollte zum Triumphbogen zurück und von dort zum Place de la Concorde. Eine Straße führt quer durch die Cite, relativ ruhig, schräg auf den Triumphbogen zu; vierspurig pro Fahrtrichtung. Am Triumphbogen steht vierspurig ein Meer aus Kraftfahrzeugen, aufgehalten von einer kleinen, dunkelhäutigen Polizistin. Die Polizistin ruft irgendetwas, winkt; die Spannung steigt, die KFZ-Führer kuppeln ein, einige geben schon einmal Gas... Die Polizistin macht sich sichtbar kleiner, ein Pfiff auf der Trillerpfeife - ALLE fahren los. Wohlgemerkt ALLE. Nicht etwa die Fahrzeuge, die von links kommend am Triumphbogen stehen ODER die Fahrzeuge, die sich geich mit einfädeln wollen. Nein, ALLE fahren gleichzeitig. Ich versteh's nicht, habe aber keine andere Chance, als mich mitspülen zu lassen. An der Einfahrt zu den Champs bin ich bereits "meilenweit" zur Innenseite des großen Kreisverkehrs abgetrieben. Ich versuche einfach irgendwie nach rechts außen zu ziehen. Das klappt auch. Aber mit einem Mal schimpfen ganz viele Leute mit mir, hupen wie wild, drohen mit den Fäusten, schreien - die Arschlöcher. Dann schaffe ich es doch noch, in die Champs einzubiegen. Die Fahrzeuge von acht Fahrspuren schaffen es, sich in vier Spuren zu sammeln; unfallfrei. Die Leute haben es sogar hinbekommen, mich ebenso unfallfrei mitzunehmen. Das hat etwas Surrealistisches!

Das muss ich aber nie wieder haben!

Deshalb habe ich sofort alle Pläne über den Haufen geschmissen und entschieden, dass man Paris besser nicht mit dem eigenen Fahrzeug entdeckt, sondern zu Fuß und mit den reichlich vorhandenen öffentlichen Verkehrsmitteln. Nur das Motorrad unter den Eiffelturm stellen - darauf wollte ich nicht verzichten.

Wenn man sich erst einmal entschieden hat, die Champs und die anderen Hauptstraßen in der Cite zu verlassen, dann kommt man doch sehr schnell in ausgesprochen ruhige Bereiche. Ich habe in der unmittelbaren Nähe des Eiffelturms fast augenblicklich einen Parkplatz gefunden, eine Ecke beinahe ohne Verkehrslärm, schattig und angenehm (mittlerweile 12 Uhr und 28°C). Eine halbe Stunde später war eine Glocke zu hören, ähnlich dem Gong, der in meiner Schule früher zur Pause geläutet hat. Das war auch hier der Fall. In weniger als zwei Minuten war der kleine Park unter dem Turm überfüllt mit Kindern aller Alterstufen, die ihre große Pause antreten wollten. Ich wollte ohnehin weiter.

Von Paris an den Niederrhein braucht man über die Autobahn vielleicht sechs bis sieben Stunden. Ich wollte aber noch ein wenig von der Landschaft sehen und bin nach Norden aus der Stadt hinausgefahren, durch den Wald von Compiegne, über St. Quentin nach Dinant. Das liegt dann schon wieder in Belgien, an den Ufern der Meuse.  

Dinant

Wer die Zeit für einen etwas längeren Ausflug hat (Wochenende), dem sei an dieser Stelle die Strecke von Liege nach Namur und weiter nach Charleville Meziers empfohlen. Anspruchsvolle Strecken für den Motorradfahrer, eine herrliche Landschaft und links und rechts des Weges eine ausgezeichnete Küche lassen eine solche Fahrt sicher zu einem unvergeßlichen Erlebnis werden.

Ich bin von Paris aus auch "auf einen Rutsch" nach Hause gefahren. Wenn um halb Elf das Tageslicht nachlässt, die Campingplätze bereits geschlossen haben, der Heimweg aber nur noch maximal drei Stunden dauern kann, dann "ziehe ich durch". Meine Frau hat das nicht überrascht. Die erkennt an meiner Stimme, wenn ich auf dem Heimweg bin. Sie wußte schon seit Bordeaux, dass ich gesehen habe, was ich sehen wollte.

Rückweg

Dann WILL ich nach Hause, die Bilder der Fahrt verarbeiten, über das Gesehene und Erlebte nachdenken - und mich auf die nächste große Fahrt freuen; in 2004.

Ein paar Sätze über mich:

Ich wurde 1955 geboren, zu spät für die Studentenrevolte und die Hippiezeit. Beides habe ich als Jugendlicher nur am Rande mitbekommen. Beides fand ich nicht schlecht. Aber die Lichtgestalten beider Bewegungen haben sich recht schnell als „irgendwie doof“ erwiesen und mir früh die ersten Rousseau’schen Träume zerstört. Von der Realität bei weitem übertroffen wurden in meiner jüngeren Vergangenheit Träume vom „Leben im Frankreich“. Ich hatte Bilder von Frankreich im Kopf, die mir ihrer Pubertät hinterhertrauernde Menschen gemalt hatten. Diese hatten in einer spätpubertären Phase einige Monate bekifft und besoffen in der Bretagne verbracht und aus den damaligen Erlebnissen auf Frankreich insgesamt geschlossen. Natürlich bietet Frankreich, wie wohl jedes Land der Erde, nahezu unendlich viel mehr, als sich bekifft und/oder besoffen aufnehmen lässt. Ich mag Frankreich. Ich werde, so Gott will, noch einige Male in Frankreich vagabundieren.

Ich fahre meine „Jahrestouren“ immer allein. Das liegt nicht daran, dass ich menschliche Gesellschaft nicht zu schätzen wüsste oder gar meiden würde. Aber es fährt niemals Jemand mit. Im Herbst bitten mich Kollegen und Motorradkameraden regelmäßig, doch beizeiten bekannt zu geben, wann ich im jeweils kommenden Jahr zu starten gedenke. Im Dezember sind es 20 Interessenten, im Februar 5 und im Sommer fahre ich allein. Was soll’s. Ich genieße die Stille auf den noch überwiegend leeren Zeltplätzen, genieße es, allein und ungestört die Sterne zu beobachten und mich auf meine Gedanken und Träume konzentrieren zu können und freue mich auf jede Begegnung und jedes schöne Bild meiner jeweiligen Reise.

 

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