Dordogne - Perigord: Leben wie Gott in Frankreich

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Dordogne und Perigord erfordern von uns Besuchern vor allem eines:

Zeit

Belohnt werden wir mit einem der schönsten Flecken Europas.

 

 

 

Deutschland im Sommer 2000 - es ist zum Fluchen, Regentag folgt auf Regentag und natürlich regnet es auch am Tag unserer Abreise in Richtung Frankreich. Etwa 50 Kilometer vor der französischen Grenze geht der leichte Nieselregen in einen Wolkenbruch über, streckenweise habe ich das Gefühl, dass ich versehentlich statt eines Motorrads ein U-Boot gekauft habe, Wasser von oben, unten, von der Seite ...

Am ersten Tag schaffen wir es nur bis Clermont- Ferrand, mehr geht beim besten Willen nicht, aber wir haben Glück und eine mitleidige Seele weist uns das letzte Zimmer im Hotel zu. Dafür werden wir mit dem Besuch unseres ersten Restaurants in Frankreich mehr als entschädigt (weitere Highlights sollten noch folgen) – das Menü ist hervorragend und der Wein, ein Genuss! Frankreich ist eben in kulinarischer Hinsicht dauerhaft auf die Weltmeisterschaft abonniert.

Wir können nach dem ersten Stresstag wenigstens in Ruhe ausschlafen und am nächsten Tag, Glück muss der Mensch haben, sieht der Himmel zwar noch etwas verhangen aus, es bleibt aber trocken und, man glaubt es kaum, hin und wieder sind sogar einige Sonnenstrahlen zu entdecken.

Wir haben diesmal drei Wochen Ferien eingeplant, zwei davon in der Dordogne, die dritte, zur Erholung dann noch am Atlantik im Medoc-Gebiet. Unser Ferienhaus liegt etwas außerhalb des Perigord im Departement Lot et Garonne, doch von hier aus sind es nur etwa 40 Kilometer bis zur Dordogne. Die ersten Touren sind rasch geplant, denn der Wettergott meint es richtig gut mit uns und hat für die erste der drei Wochen Sonne satt geschickt.

 

Rocamadour – Beynac – Domme

 

Unsere erste Tour führt uns etwas außerhalb des Departements der Dordogne nach Rocamadour, einem malerisch gelegenen mittelalterlichen Städtchen westlich von Peyrac. Die Landstraße nach Rocamadour ist in unserer Michelinkarte durchgängig grün gekennzeichnet und verspricht keineswegs zuviel. Es macht richtig Spaß hier auf zwei Rädern die Gegend zu erkunden, zum Heizen viel zu schade, auch wenn die Kurven dazu einladen. Mitunter allerdings sind die Landstraßen in einem nicht unbedingt guten Zustand, so dass eine gewisse Vorsicht durchaus auch angebracht ist. Rocamadour selbst liegt inmitten des Hoch-Quercy an einem 150 Meter hohen Felsen angeklebt und geht auf das 1. Viertel des 11. Jahrhunderts zurück. Die 216 Stufen der Treppe von Rocamadour waren für die Pilger die erste Stufe der Buße, auf den Knien mühsam heraufrutschend, sollte so der Buße Genüge getan werden. Wir ziehen es vor die Stufen auf "normale Weise" zu nehmen, was angesichts der mittlerweile hochsommerlichen Temperaturen auch eher angesagt ist.

Neben dem Bischofspalast zählen wir insgesamt sieben Kirchen und Kapellen, was für ein derart kleines Örtchen fast einen Weltrekord bedeuten dürfte. Nicht ohne Grund gilt Rocamadour als einer der bedeutenden Wallfahrtsorte Frankreichs.

In den Sommermonaten macht sich hier jedoch der Tourismus recht negativ bemerkbar, Rocamadour ist schlicht überfüllt und wir bedauern, nicht im Herbst oder Frühjahr, außerhalb der Hauptreisezeit, hierher gekommen zu sein.

Apropos Tourismus: Auch wenn in den touristischen Hochburgen der Dordogne und des Perigord recht viel los ist, so hat man andererseits doch das Gefühl, dass sich die Menge auch wieder recht gut verläuft. Außerhalb der Zentren fanden wir bei unseren ausgedehnten Touren, die eher über die kleineren Landstraßen führten, immer wieder verträumte und absolut sehenswerte kleinere Orte, die ein Ausspannen und Luftholen gut zuließen.

 


Die Burg von Beynac

Unser nächstes Ziel führt uns direkt an die Dordogne in das kleine Örtchen Beynac. Von Westen her kommend, fahren wir über die D 703 entlang der Dordogne und genießen eine der schönsten Strecken unserer Reise. Sie ist ein Traum, die Landschaft ist abwechslungsreich, kleine und mittelgroße Dörfchen, eines schöner als das andere, und immer wieder der Blick auf eine Flusslandschaft, die aus einem anderen Jahrhundert zu stammen scheint. Hier ist relativ viel los, aber das Langsamfahren stört uns angesichts der Umgebung überhaupt nicht. Die Dordogne ist eben kein Urlaub für Knieschleifer, man benötigt Zeit und Ruhe, die Landschaft und ihre Sehenswürdigkeiten haben es verdient.

Beynacs Wahrzeichen, die Burg auf der Spitze eines Steilhangs, thront majestätisch über dem Fluss. Ein Teil der Burg stammt aus dem 13., weitere aus dem 15. Jahrhundert. Von der Flussseite her war die Burg durch den Steilhang gut geschützt, von der flachen Landseite her schufen die Erbauer mächtige Kurtinen, Wehrgänge und Türme, die nur schwer eingenommen werden konnten.

Auf dem Rückweg zu unserem Motorrad staunten wir nicht schlecht, ein Cafe in einem tropischen Garten lud zum Verweilen unter Bananen und Oleander ein, eindeutig der Beweis, dass es hier auch im Winter recht mild sein dürfte.

Auf unserem Rückweg in Richtung Ferienhaus beschließen wir noch Domme, am Rande einer Klippe hoch über der Dordogne gelegen, zu besichtigen, das mit mächtigen Verteidigungsanlagen ausgestattet, ein Spiegelbild der wechselhaften Geschichte der Region ist. Immerhin war die Dordogne lange Zeit Grenzfluss zwischen französischen und englischen Lehnschaften. Die Bastiden (Wehrstädte) dieser Zeit zeugen von der wechselhaften und kriegerischen Geschichte. Interessanterweise unterschied sich die Bauweise englischer und französischer Bastiden kaum, so dass man lediglich anhand der Architektur keine Chance hat, sich zu orientieren.

Die Bastide von Monpazier - Bergerac und Lanquais

Am 7. Januar 1284 von Eduard I. von England gegründet, hatte die Bastide von Monpazier die militärische Aufgabe, den Durchgangsweg zwischen dem Agnais und dem Perigord zu überwachen. Wie mit dem Lineal gezogen teilen die Straßen die Bastide wie ein Schachbrett auf. Im Zentrum Monpaziers liegt ein wunderschöner freier Platz mit einer Markthalle in der Mitte.

Entsprechend der strategisch wichtigen Lage war die Bastide im Hundertjährigen Krieg immer wieder Belagerungen und Plünderungen ausgesetzt. Zum Glück blieben weite Teile der Stadt in ihrem Charme bis heute erhalten, die kleinen Geschäfte in den Arkaden rings um den Marktplatz laden heute zum Bummeln ein. Besichtigenswert ist auch die Kirche, deren Bau im 13. Jahrhundert begonnen wurde und der spätere Bauabschnitte ganz unterschiedliche Stile hinzufügten.

 

 


 

Weiter geht’s nach Bergerac, das sich nach dem Bau einer Brücke im 12. Jahrhundert zu einem bedeutenden Handelsflecken entwickelte. Flussschiffahrt, Böttcherei und Tabak bildeten den Wohlstand Bergeracs. Am Ufer der Dordogne findet man heute einen Nachbau eines jener Schiffe, die aus dem Zentralmassiv kommend, Holz für die Eichenfässer brachten, in denen die wirklich excellenten Weine der Region reiften. Praktischerweise wurden diese Schiffe, die man ja nicht stromaufwärts wieder zurückbringen konnte, an Ort und Stelle ebenfalls gleich mit zerlegt und zu Weinfässern verarbeitet. Keine schlechte Recyclingmethode für ausgediente Schiffe, da sind unsere modernen Verfahren bedeutend weniger umweltfreundlich.

Gefallen hat uns Bergerac, sieht man von einigen sehr malerischen Ecken, wie dem Maison des vins im ehemaligen Kloster Les Récollets mit seinem Innenhof und dem daran angrenzenden Teil der Altstadt ab, nicht unbedingt, hier hat die Moderne in ihrer weniger sehenswerten Form zugeschlagen, so dass insgesamt ein weniger schönes Stadtbild entstand. Auch Frankreich hat eben seine städteplanerischen Sündenfälle.

 

Das Schloß von Lanquais

 

Um so mehr entschädigt uns der Abstecher nach Lanquais. Die Burg von Lanquais, auch heute noch in Privatbesitz und privat bewohnt, ist absolut sehenswert. Gut sichtbar sind immer noch die Einschläge der Kanonenkugeln, möglicherweise aus der Zeit des Kampfes zwischen Katholiken und Protestanten, der im Perigord mit aller Härte tobte.

Vielleicht liegt hier die Ursache dafür, dass der ursprünglich geplante rechte Flügel des Schlosses nie gebaut wurde.

Das Schloss selbst darf trotz privater Nutzung besichtigt werden, wir vermuten, dass die Einnahmen zur Unterhaltung des Gebäudes dringend gebraucht werden. Im Unterschied zur Burg von Beynac ist jedoch der Eintrittspreis äußerst zivil gehalten, so dass wir auf den Rückweg im kleinen Shop des Schlosses, auch noch einige Flaschen Weines der Region erstehen. (Ein großes Topcase und/oder zwei Seitentaschen haben wirklich Vorteile!)

 

Sarlat, Les Eziers, Lascaux und Brantôme

Sicherlich eine der reizvollsten Städte des Perigord, Sarlat, beglückte uns gleich beim ersten Besuch am Samstag mit einem Wochenmarkt, der seinesgleichen sucht. Die Anfahrt gestaltete sich zwar angesichts der Massen an Besuchern etwas langwierig, das Gedränge auf dem, die gesamte Altstadt umfassenden Markt war dementsprechend, aber die Mühen lohnten allemal. Die wirklich erlebenswerten kulinarischen Genüsse der Region, aber auch Bekleidung und sonstiger Schnick-Schnack zum Schauen und Kaufen und, an fast jeder Straßenecke, teilweise richtig gut gemachte Musik und Unterhaltung, ein halber Urlaubstag geht (ohne Anrechnung der Anfahrt) locker drauf und wir beschließen, schon weil uns die Atmosphäre der Stadt derart in Bann genommen hat, noch einmal wiederzukommen. Um es kurz zu machen, aus dem geplanten einen, werden letztlich zwei weitere Besuche, und kein Moment der Reue über verlorene Zeit.

 

In Sarlat genießen wir auch eines der besten Restaurants unserer Reise. Apropos Restaurants: Man kann im Perigord fast unbesehen jedes Restaurant besuchen, die Qualität ist in aller Regel bei zivilen Preisen recht gut. Empfehlenswert sind vor allem die obligatorischen Menüs, drei, vier und mehr Gänge, die nicht nur meisterhaft zusammengestellt, sondern in der Regel auch deutlich preiswerter als die Individualbestellung von Einzelgerichten ist. Aber zwischen den guten und den sehr guten Restaurants bestehen immer noch Unterschiede, so dass der Rat eines entsprechenden Guide oder aber eines langjährigen Perigordreisenden nicht ausgeschlagen werden sollte.

Eigentlich hatte ich ja beschlossen aus prinzipiellen Gründen die Foie gras nicht schmackhaft finden zu wollen, allein, es ist mir nicht gelungen. Nun denn, Prinzipien sind eben hin und wieder auch zu überdenken!

Ein ganz besonderer Ort liegt dort, wo die Vezere und die Dordogne zusammenfließen. Kein Wunder, dass sich vor 300000 Jahren hier die ersten Perigourdaner niederließen, aus ihrem Tal wurde das Tal der Menschen. Das Wasser der Vezere hatte Höhlen in das Kalkmassiv gegraben, hohe Steilhänge und deren Überhänge (Les Abris) boten Schutz vor allzu strengen Temperaturen, die zu Zeiten des Cro-Magnon Menschen und des etwas späteren Neandertalers noch deutlich unter den heutigen lagen. Das Museum von Les Eziers zeigt eine Fülle an Funden dieser Zeit, Gebrauchsgegenstände und Waffen ebenso, wie eine erstaunlich weit entwickelte Kunst. Wenige Kilometer außerhalb des heutigen Ortes kann man Höhlen und Abris des Cro-Magnon und des Neandertalers besichtigen und einen eindrucksvollen Einblick in das Leben unserer Vorfahren nehmen. Auch landschaftlich ist das Tal der Vezere sicher eines der reizvollsten Ziele der Region.

 

Weltberühmt und in jedem bundesdeutschen Geschichtsbuch zu finden: Die Höhlen von Lascaux, entdeckt 1940 durch vier Jugendliche auf der Suche nach ihrem verlorengegangenen Hund. Nachdem die Originalhöhle unter dem Besucheransturm der frühen Jahre von 1948 bis 1963 stark gelitten hatte, wurde sie geschlossen und nur wenigen Fachbesuchern und Forschern geöffnet. Erst 1983 konnte Lascaux II, eine originalgetreue Nachbildung, eröffnet werden. Nicht ohne Stolz vermeldet die Führerin, dass Lascaux II maximal einen halben Zentimeter vom Original abweiche. Der Eindruck, den die steinzeitliche Kunst auf den Betrachter ausübt, ist auch heute überwältigend. Die steinzeitlichen Künstler spuckten die Farbe, auf einem hohen Gerüst stehend, an die Felswände der Höhle und schufen ein Kunstwerk, dessen Faszination sich auch der moderne Besucher nicht entziehen kann. Während die Tiere allesamt plastisch und farbenreich abgebildet sind, kontrastiert interessanterweise der einzige dargestellte Mensch in Form einer Strichzeichnung. Dieser liegt, verwundet oder tot, mit aufgeschlitztem Bauch vor einem Wisent.

Zum Abschluss unserer zweiwöchigen Dordognetour beschließen wir, nachdem wir das Bergeracois und das Perigord Noir ausgiebig besichtigt haben, einen Ausflug in das von uns aus gesehene, weitergelegene Perigord Vert, nach Brantôme. Im 8. Jahrhundert siedelten sich hier an einem Steilhang mit Höhlen und Gängen "Mönche der Einsamkeit" an, im Laufe des Mittelalters wurde eine Kirche und Abtei an die Felskirche angebaut.

Nach der Besichtigung von Abtei und Kirche bummeln wir noch eine ganze Weile durch die sehenswerte Stadt, bevor wir uns auf den Rückweg über das 10 Kilometer entfernt liegende Schloss Bourdailles machen.

Unsere Zeit an der Dordogne nähert sich ihrem Ende, noch haben wir eine Woche Erholungsurlaub am Atlantik im Medoc-Gebiet geplant, doch haben wir nicht das Gefühl, dass wir auch nur annähernd alles Sehenswerte wirklich gesehen haben. Die Dordogne fordert von ihrem Besucher vor allem eines: Zeit. Sie belohnt dafür mit unvergesslichen Eindrücken.